Vierzig Jahre mit einer Wunde, die niemand sehen sollte

Seit über vierzig Jahren trägt Ayor eine unsichtbare Wunde – entstanden bei der Geburt, verborgen aus Scham. Lange schien Hilfe unerreichbar. Ein Flug mit MAF gibt ihr nun die Chance auf eine lebensverändernde Operation.

Die Genesung nach der Operation ist langsam und schmerzhaft. Ich bin mir dem bewusst, als ich mich Ayors Bett im Krankenhaus in Juba nähere. Mein Übersetzer Garang fragt sie, ob sie bereit ist, ihre Geschichte zu teilen. Ayor antwortet leise mit Ja.

Ihr weisses Haar verrät, dass sie das Alter, in dem Frauen Kinder bekommen, längst hinter sich gelassen hat. Doch ihre Augen erzählen eine Geschichte, die kaum jemand kennt.

„Die Fistel entstand nach der Geburt meines vierten Kindes, vor über vierzig Jahren“, sagt Ayor. „Seitdem leide ich unter dieser Krankheit. Mein letztes Baby ist gestorben, und danach konnte nicht mehr schwanger werden. Auch eines meiner anderen Kinder ist gestorben.“

Ayor stammt aus einem Dorf nahe Yirol im Südsudan. Wie vieleFrauen in ihrem Land brachte sie ihre Kinder ohne Hilfe einer Hebamme oder eines Arztes zur Welt. Und diesmal führte das zu einer schweren Verletzung: einer geburtshilflichen Fistel.

Diese Verletzung hinterlässt eine Öffnung zwischen dem Geburtskanal und der Blase oder dem Darm, was zu unkontrollierbarem Harn- oder Stuhlverlustführt.

Mehr als körperliches Leid
Für Frauen wie Ayor bedeutet diese Verletzung weit mehr als körperlichenSchmerz. Sie bringt Scham, Ausgrenzung und Stigmatisierung mit sich. In ihrer Kultur spricht man nicht über solche Probleme. Stattdessen verbergen Frauen ihren Kampf und ihren Schmerz. Umso mehr berührt mich Ayors ruhige Würde und ihre Bereitschaft, ihre Geschichte zu teilen.

„Ich hatte schon einmal eine Operation. Man brachte michnach Lokichoggio, aber der Eingriff war nicht erfolgreich, und ich wurde nicht gesund", erzählt sie.

Trotz dieser Enttäuschung entschied sich Ayor für einen neuen Versuch, nachdem ein Verwandter in ihrem Dorf ihr von Fistel-Operationen in Juba erzählt hatte.

„Ich ging nach Yirol, und ein Flugzeug von MAF holte mich ab. Mir wurde schlecht im Flugzeug, aber ich war sehr froh, als wir in Juba landeten“, sagt sie und lächelt.

Ayor weiss, dass sich ihr Leben zum Besseren gewendet hat.

Hilfe für Körper und Seele
Im Reconciliation Hospital in Juba bietet die Evangelisch-Lutherische Mission dreimal im Jahr Operationen zur Fistelbehandlung an. Dazu werden Schulungsräume in Krankenstationen umgewandelt, um mehr als vierzig Frauen aufzunehmen, die aus dem ganzen Land anreisen.

Die meisten von ihnen werden von MAF eingeflogen. Allein kürzlich gab es zehn solcher Flüge. Für viele wäre die Reise zu Fuss oder mit dem Auto kaum zu bewältigen und würde Tage dauern.

Der spezialisierte Chirurg Dr. Andrew kann selbst die kompliziertesten Fisteln operieren, auch in Fällen, in denen frühere Eingriffe gescheitert sind. Auch kümmern sich Seelsorgerinnen und Betreuende um die Frauen, bieten Gespräche und geistliche Begleitung an. Viele von ihnen haben wegen ihrer Erkrankung Ablehnung erlebt.

Ayor ist dankbar für all die Fürsorge.

„Ich wurde operiert, und danach kamen die Ärzte jeden Morgen, um nach mir zu sehen. Ich bin glücklich über die Hilfe der Menschen hier. Ich gehe zu den Gebeten. Sie teilen Dinge mit uns, die uns Freude machen.“

Noch mitten in der Heilung steigt Ayor ins MAF-Flugzeug.

Mit Würde nach Hause
Nach Jahrzehnten des Leidens sehnt sich Ayor danach, wieder gesund nach Hause zu kommen. „Ich bin froh, für die Operation in Juba zu sein. Aber noch glücklicher werde ich sein, wenn ich wieder in mein Dorf zurückkehre! Ich freue mich darauf, von diesem Problem geheilt zu sein. Sie haben mein Leben besser gemacht.“

Eine Woche später besteigt Ayor langsam und entschlossen das MAF-Flugzeug zurück nach Yirol. Noch in der Heilung, wahrscheinlich noch mit Schmerzen, steigt sie vorsichtig Schritt für Schritt die Stufen hinauf.

Dann nimmt sie mit der Würde einer „Abuba" – einer Grossmutter – in der „Business Class" Platz: dem Sitz mit mehr Beinfreiheit am hinteren Ende des Flugzeugs.

Sie ist still. Und bereit, nach Hause zu gehen.

Auf dem Weg zurück nach Hause nahe Yirol, Südsudan
Autor
Jenny Davis
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