60 Jahre Hilfe, Hoffnung und Heilung im Tschad

Seit 1966 fliegt MAF Menschen im Tschad an kaum erreichbare Orte. Was mit medizinischer Versorgung begann, wurde zu weit mehr: Hilfe in Hungersnöten, Schutz der Lebensgrundlagen, neue Chancen durch Bildung. Bis heute bringt MAF Hoffnung, wo sie sonst

Als MAF-Mitgründer Stuart King und Pilot John Ducker 1965mit einer Cessna 206 über den Tschad flogen, erkundeten sie ein Land mit gewaltigen Distanzen und kaum vorhandener Infrastruktur. Sie wollten verstehen, wo Hilfe am dringendsten gebraucht wurde. Ein Jahr später eröffnete MAF in Fort-Lamy – dem heutigen N'Djamena – die erste Basis. Mit Wasserflugzeugen wurden abgelegene Gemeinden rund um den Tschadsee im Westen des Landesversorgt. Besonders im Gesundheitswesen brachte dies einen tiefgreifenden Wandel.

1968 folgte im Süden des Landes ein weiterer Stützpunkt in Koumra. Doch politische Unruhen unter Präsident François Tombalbaye, der Christenverfolgung sowie der Bürgerkrieg der 1970er-Jahre zwangen MAF 1979 zum Rückzug. Nur zwei Jahre später kehrte die Organisation zurück und nahm ihre Arbeit in Bébalem im Süden des Landes wieder auf.

Die Landschaft von Bardai

Gegen den Hunger

1985 wurde der Tschad von einer schweren Hungersnot getroffen. MAF transportierte rund um Bébalem insgesamt 2’460 Tonnen Lebensmittel in schwer zugängliche Regionen. So konnten schätzungsweise 55’000 Menschen vor dem Hungertod bewahrt werden.

Nur zwei Jahre später drohte bereits die nächste Katastrophe: Eine massive Heuschrecken- und Grashüpferplage gefährdete die Ernten in der Region. MAF rüstete eines seiner Flugzeuge um und beschaffte zwei weitere Spezialmaschinen, um rund 130‘000 Hektaren Ackerland aus der Luft zu behandeln – eine Fläche fast dreimal so gross wie der Genfersee. Millionen Schädlinge wurden vernichtet und unzählige Menschen konnten gerettet werden.

Eine Cessna Caravan von MAF in Bardaï, Heimat der Teda

Eine Sprache erhält Zukunft

Währenddessen stand im äussersten Norden des Landes, mitten in der Sahara, das Volk der Teda vor ganz anderen Herausforderungen. In der abgelegenen Oasenstadt Bardaï leben viele Teda. Jenseits der Grenze in Libyenwurden Angehörige derselben Volksgruppe unter dem damaligen Machthaber Muammar Gaddafi unterdrückt. Ihre Sprache öffentlich zu sprechen war verboten und konnte bestraft werden.

Bis 1998 existierte Teda nur als gesprochene Sprache. Eine Schrift gab es nicht. Das änderte sich, als der Linguist Mark Ortman 1993 mit seiner Familie in den Tschad zog. Sein Ziel war es, die Teda zu stärken und ihnen durch Lesen und Schreiben neue Perspektiven zu eröffnen. „Die Teda wollten zunächst nicht, dass ihre Sprache geschrieben wird“, erzählt Mark. „Diese Region war extrem isoliert. Viele Menschen lebten mit grossem Misstrauen gegenüber allem von aussen.“ Hinzu kamen gezielte Falschinformationen. „Aus der arabischen Welt wurde verbreitet, wer seine eigene Sprache mit lateinischen Buchstaben lesen lerne, werde Christ. Das war ein enormes Hindernis.“ Doch als die Menschen ihre Sprache erstmals geschrieben sahen, änderte sich vieles. „Sie waren beeindruckt.“

Nach der Entwicklung des Teda-Alphabets erschienen 1998 die ersten Lesematerialien. Bücher wurden heimlich über die Grenze nach Libyengeschmuggelt – dort waren sie unter Gaddafi verboten. Nach dessen Sturz im Jahr2011 eröffnete in Bardaï das Mosko Hanadii-ĩ Lernzentrum. Seither lernen Teda-Kinder und Erwachsene dort lesen und schreiben. In ihrer eigenen Sprache, ohne Angst.

Das Mosko-Hanadii-ĩ-Kulturzentrum in Bardai bringt den Teda das Lesen und Schreiben ihrer eigenen Sprache bei

Sechs Stunden statt fünf Tage

Seit mehr als 30 Jahren ist MAF ein wichtiger Teil diese r Geschichte. Bardaï liegt umgeben vom Tibesti-Gebirge im Herzen der Sahara. Eine Reise auf dem Landweg von N'Djamena dauert rund fünf Tage – verbunden mit Pannenrisiko, Wassermangel und Überfällen. Mit MAF dauert dieselbe Strecke sechs Stunden. „Ohne MAF wäre diese Arbeit nicht möglich“, sagt Mark.

Was 1966 mit einzelnen Flügen begann, steht auch sechzig Jahre später für dasselbe Ziel: Menschen erreichen, die sonst vergessen würden.

Linguist Mark Ortman

Mehr über die bewegende Geschichte von Mark Ortman und darüber, wie MAF Bildung im Norden des Tschad ermöglicht, hören Sie im englischsprachigen Podcast Flying for Life: „Happy 60th Birthday MAF Chad“ (Folge 14). Mehr unter https://maf-uk.org/podcast/

Autor
Claire Gilderson
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Reportage
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