Marys Kampf gegen Menschenhandel und Kinderehe

Als eine Partnerorganisation von MAF im Nordosten Ugandas eine Schule gründete, stand Bildung im Mittelpunkt. Dass die Schule zugleich zu einem Schutzraum für Mädchen werden würde, zeigte sich erst mit der Zeit.

„Ich freue mich riesig, dass ich jetzt auf die Sekundarschule gehen kann“, sagt Mary und lächelt. Für die 17-Jährige geht damit ein Traum in Erfüllung, auf den sie jahrelang hingearbeitet hat. Ihre Geschichte macht deutlich, welchen Unterschied Bildung machen kann.

Mary Nangiro besucht seit 2021 die Akigyeno Primary School, die von MAFs Partnerorganisation Ezekiel 37 Ministry betrieben wird. Rund 300 Schüler und Schülerinnen lernen dort – mitten in der abgelegenen Region Karamoja im Nordosten Ugandas, wo die Alphabetisierungsrate zu den niedrigsten des Landes gehört.

Mary ist eine disziplinierte Schülerin: „Ich habe nachts gelernt, damit ich gute Noten bekomme. Die Schule hat uns Taschenlampen gegeben, damit wir auch nach Einbruch der Dunkelheit lesen konnten.“

In ihrem Heimatdorf gibt es keinen Strom. Die solarbetriebene Taschenlampe wurde für Mary deshalb zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft.

Mit nur 17 Jahren gehört sie zu den wenigenSchülerinnen und Schülern, die bei Ugandas landesweiter Abschlussprüfung der Grundschule (Primary Leaving Examination, PLE) Bestnoten erzielten. Das Ergebnis entscheidet massgeblich darüber, ob und wie ein weiterer Schulbesuch möglich ist.

Mary erzielt herausragende Prüfungsergebnisse

Bildung als Schutz vor Menschenhandel und Kinderehe

Doch nicht alle Mädchen in Marys Umfeld hatten soviel Glück. Eine ihrer Freundinnen wurde im vergangenen Jahr von einem Mann entführt und anschliessend zur Heirat gezwungen. Mary kennt viele weitere Mädchen, denen Ähnliches widerfahren ist – einige sind in ihrem Alter, andere sogar noch jünger.

Wie dringend der Schutz durch Bildung ist, zeigt auch ein Bericht der Organisation ENACT aus dem Jahr 2021: Mädchen aus Karamoja werden teilweise für umgerechnet nur vier Schweizer Franken verkauft und nach Nairobi verschleppt. Der Schulbesuch bietet ihnen weit mehr als Unterricht. Er schafft einen sicheren Ort, eröffnet Zukunftsperspektiven und stärkt Mädchen darin, Ausbeutung, Menschenhandel und Kinderehen entgegenzutreten.

Kinder in der Schule zubehalten, schützt sie vor Menschenhandel und Kinderheirat

Florence Talamoi, leitende Bildungsbeauftragte im Distrikt Napak, erlebt diese Realität regelmässig. „Armut und Unsicherheit gehören zu den Hauptursachen für Kinderhandel in unserer Region“, erklärt sie. „Einige Kinder werden sogar von Angehörigen nach Kenia gebracht und dort zwangsverheiratet.“

«Die Schule hat schon unglaublich viel bewirkt» Florence Talamoi

Für Mädchen wie Mary bedeutet die Akigyeno-Schule deshalb weit mehr als kostenlosen Unterricht. Sie ist ein Ort der Sicherheit und der Hoffnung. „Die Schule hat schon unglaublich viel bewirkt. Aber es bleibt noch viel zu tun.“ Neben dem Unterricht erhalten alle Schülerinnen und Schüler an Schultagen zwei Mahlzeiten. Für viele Kinder sind dies die einzigen verlässlichen Mahlzeiten des Tages, denn zu Hause gibt es oft nicht genügend Essen.

Eine Partnerschaft, die Zukunft ermöglicht

MAF fliegt die Mitarbeitenden von Ezekiel 37 Ministry regelmässig nach Moroto. Von dort aus reisen sie weiter zur Akigyeno Primary School im Distrikt Napak. Die Region gehört zu den abgelegensten Ugandas. Aufgrund schlechter Strassen und schwieriger Bedingungen dauert die Anreise mit dem Auto häu‘g ein bis zwei Tage.

Rebecca Sekamanya, Gründerin und Leiterin der Schule, ist deshalb für die Unterstützung durch MAF besonders dankbar. «Wir schätzen MAF sehr. Ohne diese Flüge könnten wir unsere Arbeit kaum fortsetzen.» Der Flug dauert lediglich rund 90 Minuten. Dadurch können Rebecca und ihr Team ihre Zeit für die Arbeit mit den Kindern nutzen, anstatt tagelang unterwegs zu sein. «Zwei Tage auf der Strasse zu verbringen, ist weder sinnvoll noch ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren Ressourcen.» Der Einsatz lohnt sich: Rebecca ist stolz auf die erste Abschlussklasse ihrer Schule.

«Als unsere erste Klasse zur Abschlussprüfung antrat, hatte ich keine allzu grossen Erwartungen. Umso mehr freue ich mich über das Ergebnis.» Alle 19 Schülerinnen und Schüler bestanden die Abschlussprüfung und qualifizierten sich für den Besuch einer Sekundarschule. Drei von ihnen erreichten sogar die Bestnote. Noch vor wenigen Jahren hüteten viele dieser Kinder tagsüber Vieh oder blieben zu Hause. Ohne Zugang zu Bildung wären ihre Zukunsaussichten von Armut, Unsicherheit und einem hohen Risiko der Ausbeutung geprägt gewesen.

Mary blickt heute voller Zuversicht in die Zukunft. Bald beginnt für sie die Sekundarschule. Ihr grosses Ziel ist es, Krankenschwester zu werden. Eines Tages möchte sie selbst ihrer Gemeinschaft helfen – und anderen Menschen dieselbe Ho¡nung schenken, die sie durch Bildung erhalten hat.

Rebecca Sakamaya (links), Gründerin der Schule, ist stolz auf die erste Abschlussklasse
Autor
Damalie Hirwa
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